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Die Gipfelstürmer < Y!-ID: gipfelstr... >

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Letzte Aktualisierung Di, 25. Dez. 2007 Mitglied seit Oktober 2006

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Nur wer sich hoch hinaus wagt, ... kann auch tief fallen. Antworten

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hier begibt man sich in eisige Höhen...

Varus, Arminius und wir, 12. Teil
Varus, Arminius und wir, 12. Teil Vergrößern

An dieser Stelle muss ich einfach, wenn es mir auch außerordentlich schwer fällt, mit einem vielzitierten, aber unhaltbaren Irrglauben brechen, der das nach dem Reinheitsgebot von 1516 gebraute Bier als vorzüglichen Energielieferanten begreift, der den angeschlagensten Alpinisten bis auf den höchsten Gipfel trägt. Von Natur aus eh schon mit einem eingeschränkten Bewegungsdrang ausgestattet, neutralisiert bereits der erste zaghafte Schluck vom Gebräu meine Lust auf Abenteuer und weckt den ansonsten ruhiggestellten Schweinehund in mir. Alleine der Gedanke, nach dem Glas diesen Tisch mit Nummer 106 verlassen zu müssen, um etliche Kilometer auf dem durchaus fordernden Rheinsteig zu bewältigen, schreckte das sanftmütige Tier in meinem Inneren auf, das geifernd die sorgsam angelegten Ketten sprengte und zu einer wilden Bestie mutierte. Wozu der Mühsal Vorschub leisten, wenn das Leben auch so simpel sein kann?! Die Sonne schien, der Ausblick über die Weinberge hinweg verschaffte eine friedfertige Genugtuung und zeugte davon, wie viel Schweiß wir bis hier her bereits vergossen hatten, und die nette Bedienung namens Tanja würde ganz bestimmt einen klitzkleinen Wink mit dem Finger richtig deuten und die nächste Runde anzapfen. Außerdem würde sie mit jedem weiteren Humpen noch wesentlich blendender ausschauen, und wen interessierte da noch die angestaubte Vergangenheit einiger Römer und Barbaren, die sich hier vielleicht einmal vor 2000 Jahren gegenseitig die Schädel spalteten? Meinetwegen hätten sie just in diesem Moment ihren Gräbern entsteigen können, um die Kräfteverhältnisse erneut zu prüfen; ich hätte ihnen mein Augenmerk versagt oder es nur am Rande zur Kenntnis genommen.

Bis auf die einzementierten Beine und die vom Rucksack schmerzenden Schultern fühlte ich mich pudelwohl und genoss die gesamte Atmosphäre, das Pils und die Zigaretten. Große Persönlichkeiten früherer Epochen empfanden ähnlich und warfen bei Wein, Weib und Gesang ihr Bündel ab, um vom Rheintal fasziniert und inspiriert bedeutsame Werke zu vollenden, die noch heute als Meilensteine der Kunst und Literatur gelten. Wer weiß, was ich damals im Hof vom Schloss Arenfels geschaffen hätte, wäre ich im Besitz von Papier und Kugelschreiber gewesen und hätte die Aufforderungen von Mary-Ellen und meinem Bruder ignoriert, die einmal mehr zum Aufbruch drängten. Rückwirkend und in aller Bescheidenheit betrachtet muss ich der plötzlichen Hektik der Beiden negativ ankreiden, dass sie durch die Eile möglicherweise einen funkelnden Diamanten der Poesie vereitelten und sich somit die Schuld daran aufbürdeten, dass die Schüler der Zukunft statt einer wortgewaltigen Novelle von ‚Klappt nicht’ die abgedroschenen Phrasen eines Goethe in ihren Büchern vorfinden werden, die bereits in der Gegenwart nur noch den Deutschlehrer faszinieren. Welch Frevel und Vergeudung für ein paar absolvierte Kilometer auf einem Fernwanderweg! Und nur, weil meine geistigen Ergüsse im Normalfall auf einem Bierdeckel Platz haben; manch Politiker mag auf dem Format sogar eine Steuererklärung unterbringen, aber den hat man ja auch nicht gelassen.

Darüber hinaus ist unsere illustre Seilschaft leider den Prinzipien der demokratischen Grundordnung verfallen und wir stimmen generell darüber ab, ob wir uns nun in den Tod stürzen oder eben nicht. Zähneknirschend und mit einem Protest auf den Lippen fingerte ich also meine Börse aus der Hosentasche und suchte den direkten Blickkontakt mit Tanja, die soeben einige Radfahrer am Nachbartisch bewirtete, die zu meinem Entsetzen antialkoholische Apfelschorle orderten. Fruchtsäfte am Klingeldeckel sind vermutlich in der Szene sehr beliebt, doch warum quetschen sich die Leute dann ausgerechnet in diese hautengen Leibchen mit Werbeaufdrucken der Sponsoren einer Tour de France, die schonungslos offenbaren, dass man es bei der übrigen Freizeitgestaltung mit dem Kalorienzählen nicht so genau nimmt. Mir war bis dahin sogar gänzlich unbekannt, dass die Trikots in diesen Übergrößen produziert werden, da die eigentlichen Rennfahrer wohl kaum ihr Arbeitsgerät gleich mit unter dem Oberteil verstecken wollen. Meinetwegen sollen die Menschen aus Furcht vor dem nächsten Winter ein Depot anfuttern, zumal das in manchen Kulturkreisen als durchaus chic gilt und in nördlichen Gefilden Sinn macht, aber sobald jemand die übereinander gestapelten Reserverollen in ein Stück Stoff mit dem Logo einer Mineralwassermarke presst, reizt das mein Zwerchfell, und ich möchte mir einfach nur Streit suchen...

Fortsetzung folgt

Montag, 18. August 2008 - 20:10 Uhr (CEST) Permanenter Link | 1 Kommentar
Eintrag für den 01.August 2008
Eintrag für den 01.August 2008 Vergrößern

Sommerintermezzo: Bagger fahrn is cool

Ich nutze das Sommerloch, was Klappt nicht und sein Sherpa (oder wars sein Kuli?) hinterlassen, um die endlosen Weiten des Mittelrheines und seiner vielfältigen Gasthäuser, Weinstuben, Biergärten und Kneipen (mir fehlen die Worte) zu erforschen, für einige anderweitige nicht weniger tiefschürfende Betrachtungen.

Wer von uns sich schon einmal auf einer kleineren oder größeren Baustelle hat umtun müssen, weiß, wie wichtig es ist, sich mit dem Baggerfahrer gut zu stellen. Alle Baggerfahrer der Welt mögen mir verzeihn, daß mir die genaue Berufsbezeichnung nicht geläufig ist. Für Hinweise in diese Richtung bin ich aber durchaus dankbar. Dennoch möchte ich mehrfach betonen, daß der Baggerfahrer die Person auf der Baustelle ist, die für alle Außenstehenden lebens- ja überlebensnotwendig ist. Der Baggerfahrer kennt jeden, sieht alles hört alles und weiß eigentlich auch alles, was wichtig ist. Was mich jedesmal aufs Neue erst in Erstaunen und dann schlichtweg in Begeisterung versetzt, ist die Art, wie der betreffende in seiner Fahrerkanzel, ja thront. Wobei ich dazu sagen sollte, daß der Eindruck noch verstärkt wird, wenn es sich um Kettenfahrzeug handelt, ein räderbetriebenes Gefährt schmälert den Eindruck doch ganz außerordentlich. Dabei ist es egal, wie groß oder klein, dick oder dünn, lockig oder glatzköpfig der Mann ist (es handelt sich bei dieser Spezies ausschließlich um Männer, aber auch hier nehme ich gerne Korrekturen in Kauf), sobald er in seinem Ungetüm sitzt, ist er König und personifiziert den Spruch „meiner ist größer“, der in diesem Fall auch durchweg ernst zu nehmen ist. 40 T sind ein schlagendes Argument. Sobald morgens um 7.oo die Kabine erklommen wird, ist die Baustelle das kleine Reich und jeder hat das zu beachten. Ehrlich gesagt wäre alles andere auch extrem dumm und ungesund. Der Baggerfahrer ist auch Künstler und Athlet. Wie er mit seinen lediglich bestrumpften Zehen, den Fingern und Armen in der Lage ist mit der riesigen Böschungslöffel derart sanft Baugruben auszuheben und dabei in der Baugrube liegende Mauern nicht mal anzukratzen, hat etwas durchaus kunstvolles und kann nur mit viel athletischer Konzentration und Körperbeherrschung vollbracht werden. Das gilt aber nur für den Fall, daß man seine Herrschaft anerkannt und freundlich lächelnd um Unterstützung gebeten hat. Ein unwilliger Baggerfahrer ist alles andere als sensibel und da kracht es auch gerne im Gebälk.

Also: 1. Regel, wenn man die Erlaubnis hat, eine Baustelle zu betreten: Den Baggerfahrer auf sich aufmerksam machen, denn der Helm ist reine Zierde und hilft nicht, wenn man die Schaufel vor den Kopf bekommt. Wenn er geneigt ist, einem Gehör zu schenken, wird er bei seiner Tätigkeit innehalten. Entweder ist die Kabinentür schon offen, was aber wegen der vollklimatisierten Maschinen nicht sein muß, oder er wird huldvoll die Tür öffnen und zu einem herab schauen. Kein Wunder, sitzt er doch 2,5 m höher. Und wenn er jetzt auch ein freundliches Gesicht macht und zurücklächelt ( ich gebe zu, als Frau hat man echt die besseren Chancen), dann ist schon fast alles o.k. und der Grundstein für eine gute Zusammenarbeit während der nächsten Stunden oder Tage ist gelegt.

Und dann ist es fast nicht mehr so schlimm, draußen in brüllender Hitze oder strömendem Regen, in Staub oder Schlamm zu stehn, während der Baggerfahrer den Ausleger mit Löffel in gleichmäßigem Takt durch die Baugrube tanzen läßt und er selber bequem in Recarositz mi Sitzheizung, Klimaanlage, CD-Player, immer mit einer Zigarette im Mund, ja thront.

Das nenn ich cool.

Freitag, 1. August 2008 - 13:18 Uhr (CEST) Permanenter Link | 2 Kommentare
Sommerpause
Sommerpause Vergrößern

Jetzt habe ich es doch tatsächlich versaut - statt unsere Abenteuer mit Varus und Arminius zu einem finalen Abschluss zu bringen, wartet eine neue Herausforderung auf mich. Nur noch eine einzige Woche und ich werde wie auf dem obigen Foto durch meine Abwesenheit glänzen, auf dem zumindest noch zwischen Mary-Ellen und 'Reicht doch' mein Bierglas und mein Tabakvorrat zu sehen sind. In diesem Jahr haben wir nämlich trotz aller Nörgeleien keinen gemeinsamen Urlaub zugesprochen bekommen, den der Rest meiner tapferen Seilschaft in den Alpen verbrachte. Schneeverwehungen im Juni verhagelten so manche Aufstiege meiner treuen Gefährten, die sich dennoch ohne Steigeisen über Eisfelder wagten und grandiose Fotos mit nach Schmachtendorf transportierten. Beiden Gipfelstürmern muss ich auch auf diesem Weg dafür meinen Respekt zollen, da die Querungen wirklich nicht ungefährlich waren und ich froh darüber bin, dass sie wieder heil daheim sind; zumal ich ja nicht auf sie aufpassen konnte!

Nächsten Samstag schultere ich also mein Bündel und sage gemeinsam mit einem alten Freund, stets nur 'Cooli' genannt, dem Rheinsteig von Wiesbaden aus den Kampf an!Wir wollen möglichst ohne Hotels oder Herbergen die 320 Kilometer bis nach Bonn bewältigen und weil das Wildcamping in der Region verboten ist, manche Nächte in einer Schutzhütte verbringen. Zelte und Schlafsäcke sind mit dabei, und wenn wir den Biergärten am Wegesrand allen Unkenrufen zum Trotz widerstehen sollten, spült uns die Welle der Euphorie bestimmt bis zum Drachenfels! Über einen Empfang von Cheerleadern in kurzen Kleidern am Gipfel würden wir uns sehr freuen!

So heisst es also: Zwei Männer, zwei Rucksäcke, zwei Zelte gegen über 14000 Höhenmetern; fast doppelt so viele wie der Mount Everest zu verzeichnen hat und das ohne zusätzlichen Sauerstoff! Wir sind bereit (gelogen) und wenn ihr es auch seid, gibt es die Strapazen hier bald zu lesen!

Der Weg ist das Ziel und man besteigt einen Berg, 'weil er da ist!!!!'.

Eine gute Zeit wünschen die Gipfelstürmer und 'Cooli'!

Freitag, 11. Juli 2008 - 20:57 Uhr (CEST) Permanenter Link | 0 Kommentare
Varus, Arminius und wir, 11. Teil
Varus, Arminius und wir, 11. Teil Vergrößern

Keinen Yeti und keinen Limes – an manchen Tagen funktioniert aber auch rein gar nichts und man sollte, um Enttäuschungen zu entgehen, lieber gleich im Bett liegen bleiben. Das aber befand sich für mich unerreichbar im fernen Schmachtendorf, und es würden auch noch etliche Stunden ins Land ziehen, bis ich mich von den Strapazen der Tour gezeichnet auf die Federkernmatratze niedersinken lassen könnte. Allerdings verhieß mein Rheinsteigstempelbuch noch ein lohnenswertes Etappenziel in Form vom Schloss Arenfels, wo der erschöpfte Abenteurer bei kalten Getränken und einer warmen Mahlzeit neue Kräfte schöpfen durfte und die Aussicht auf einen Krug Bier mobilisierte meine letzten Energiereserven. In jedem Bildband über die Region findet sich mindestens eine Luftaufnahme des im Jahr 1259 errichteten Prachtbaus, der von einem Meer aus Rebstöcken umgeben auf einer Anhöhe über dem Rhein thront. Dabei ist das Relikt einer vergangenen Epoche nicht nur einfach nett anzuschauen, sondern weist auch eine architektonische Besonderheit auf, die den meisten Besuchern verborgen bleibt, weil das alte Gemäuer nicht bis in den hintersten Winkel für die Touristen erschlossen ist, aber dafür sorgen ja immer wieder wir Gipfelstürmer für Aufklärung. Arenfels nennt man auch das Schloss der Jahre, verfügt es doch über zwölf Türme, zweiundfünfzig Türen und dreihundertfünfundsechzig Fenster, wobei ich zähneknirschend gestehen muss, dass die Angaben auf Recherchen beruhen und ich sie vor Ort nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft habe. Ob nun eine Glasscheibe mehr oder weniger war mir auch vollkommen gleichgültig, als wir uns im großzügigen Innenhof nahe einem Brunnen am Tisch 106 niederließen und von der Last der Rucksäcke befreit durchschnauften. Was für ein schönes Fleckchen Erde!

Dezente Musik berieselte die Szenerie aus strategisch günstig verteilten Lautsprechern, und optisch ansprechende junge Damen eilten in schwarzen Röcken und weißen Blusen umher, damit niemand dehydriert verendete. Für unser leibliches Wohl war gemäß dem später überbrachten Kassenbon Tanja verantwortlich, die mit einem charmanten Lächeln unsere versagenden Deodorants ignorierte und die Bestellung auf einem kleinen Schreibblock notierte. Flink wieselte sie von dannen, um nach gefühlten dreißig Sekunden mit einem Tablett in den Händen zu uns zurückzukehren; welche Frau macht das schon, wenn der Duft der weiten Welt selbst die Mückenschwärme abtötet? Tanja hingegen wahrte die Fassung und lächelte immer noch, als sie vor jedem einen ordentlichen Humpen Bier deponierte – hoffentlich litt sie unter keiner Gesichtslähmung – und ich sah ihr versonnen nach, bis sie im Schankraum des Schlosses verschwand. Habe ich schon erwähnt, was für ein schönes Fleckchen Erde das war? Allerdings ließ es sich hier nicht immer so gut leben, da vor über sechzig Jahren ein amerikanischer Panzerverband im nur wenige Kilometer entfernten Remagen auf eine unversehrte Brücke stieß. Trotz aller militärischer Präzision waren sie den alliierten Verbündeten davongefahren und konnten ihr Glück kaum fassen, dass ausgerechnet sie eine intakte Stahlkonstruktion über den Fluss fanden.

Die Freude währte aber nur kurze Zeit, denn wo eine Brücke die natürliche Barriere überspannte, musste zwangsläufig der Gegner lauern und dem konnte ihre winzige Einheit keinesfalls gewachsen sein. Während sie darüber nachsannen, ob es nicht für sie gesünder sei, auf Nachschub zu warten, erspähten die im Schloss Arenfels einquartierten deutschen Soldaten den amerikanischen Kontrahenten und fürchteten die Offensive; eine Streitmacht gar, die in der Normandie ihren Anfang genommen hatte. Einen Ersatz durften sie nicht herbeisehnen, denn das Gros der Armee schützte bereits unter dem Kommando eines fiesen kleinen Österreichers die Hauptstadt vor den ziemlich in Rage geratenen Russen, die mit unbändiger Wut im Bauch gen Westen strebten. Mit den paar stationierten Landsern konnten die Alliierten aber nicht zurückgeschlagen werden, ahnte man doch nichts von einem versprengten Trupp, und so einigten sich die Schlachtenlenker darauf, die Brücke zu zerstören. Acht Tage lang tobte der Kampf um den stählernen Koloss, der sämtlichen Detonationen widerstand, bis die deutschen Soldaten ihr Heil in der Flucht suchten oder mit zerschossenen Gliedern ihren Traum vom Tausendjährigen Reich ausbluteten. Den allerletzten Trumpf behielt die Brücke von Remagen aber sich selbst vor, denn kaum waren die Explosionen abgeklungen und die Landser vernichtet, brach sie unter den Füßen der Amerikaner entzwei, die im Rhein ihr nasses Grab fanden. Heute erinnern nur noch die nackten Pfeiler an die Tragödie und gelten als Mahnmal gegen Krieg und Gewalt, was die zukünftigen Generationen hoffentlich auch beherzigen. Sollen sie ihre Konflikte lieber im Weinkeller vom Schloss Arenfels ohne Tod speiendes Gerät lösen und sich von Tanja verwöhnen lassen...

Fortsetzung folgt

Dienstag, 1. Juli 2008 - 18:40 Uhr (CEST) Permanenter Link | 1 Kommentar
Varus, Arminius und wir, 10. Teil
Varus, Arminius und wir, 10. Teil Vergrößern

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich bei den Idealen der alpinistischen Zunft und drei erhobenen Fingern im Brustton der Überzeugung schwören, dass sich meine Augen und das Gehirn unter dem Piratentuch vor Lachen biegend für die gelungene Narretei beglückwünschten und die Idee, mir zwei Yetis vorzugaukeln, ausgelassen feierten. Einmal mehr verfluchte ich meine Leichtgläubigkeit und gemahnte mich, zukünftig weniger Bücher über parapsychologische Phänomene zu lesen, obwohl gerade die Sorte Literatur mein Interesse durch phantasievolle Innenillustrationen weckt, aber wohl meine Wahrnehmung nachhaltig stört. Allerdings verdanke ich diesem Themengebiet meine Faszination für vertikale Welten, denn als kleiner Junge fiel mir aus den Beständen meines Opas ein riesengroßer Band in die winzig kleinen Hände, der das Übernatürliche zum Inhalt machte. Neben einer wirklich gruseligen Zeichnung von einem Jack the Ripper, der im neunzehnten Jahrhundert trotz massiver Polizeipräsenz fünf Prostituierte im Londoner Eastend mit einem Messer meuchelte und den fiesen Ambitionen extraterrestischer Wesen, die in ihren fliegenden Untertassen nach geeigneten Invasionsstützpunkten Ausschau hielten, entdeckte ich auch ein Foto vom Mount Everest. Heute ist es mir ein Rätsel, was der Berg in einem Werk über Unerklärliches zu suchen hatte und warum mein Großvater überhaupt ein solches Buch besaß – schließlich sammelte er vorwiegend Berichte über den Zweiten Weltkrieg, deren Bebilderungen mir das Blut durch Eiswasser ersetzten und gegen die Jack the Ripper wie ein braves Schulmädchen daherkam – aber da war dieses Massiv vor einem dunklen Hintergrund. Irgendwie ließ mich das Motiv nicht mehr los, und ich hütete das Werk wie einen kostbaren Schatz, bis es sich während diverser Auslagerungen meiner Bücher auf dem Speicher verlor. Dort dürfte es auch jetzt noch vom Staub der Äonen bedeckt und mit Bisswunden eines tobsüchtigen und unliterarischen Marders versehen, der sich im Winter oben einquartiert, geduldig auf mich warten.

Meine beiden tapferen Recken in Form von Mary-Ellen und ‚Reicht doch’ rappelten sich ebenfalls auf, klopften die Grashalme von den Hosenbeinen und wechselten ein paar belanglose Worte mit den Wanderern, die weitaus agiler als wir wirkten. Sie schienen ungeachtet der Konversation immer in Bewegung und so verwunderte es mich nicht, dass sie schon bald der Sehnsucht nach dem Horizont beigaben, uns noch einen schönen Tag wünschten und mit raumgreifenden Schritten der nächsten Steigung den Kampf ansagten. Von einer gebückten Haltung konnte keine Rede mehr sein; plötzlich erweckten sie den Eindruck zweier Gallier nach dem Genuss vom Zaubertrank, die vor dem Abendbrot noch schnell eine Horde Römer aufmischen wollten. Einen Schluck aus dem Kessel hätte ich nun auch gut vertragen können, denn meine Knochen sehnten sich nach einer butterweichen Couch im trauten Heim, einem kühlen Bier und einer Mütze voll Schlaf, wobei die Reihenfolge variabel zu gestalten war. Aber nur sehr selten sind dem Abenteurer Mußestunden vergönnt und da wir uns eh gerade in der Senkrechten befanden, konnten wir auch gleich wieder vorantraben.

Sobald ich mich unbeobachtet wähnte, unterzog ich die Landschaft einer intensiven Musterung. Farbenprächtige Blütenkelche oder auf der Roten Liste geführte Insekten, die unter meinen Schuhsohlen einen Rang höher sprangen, ignorierte ich geflissentlich, denn tief in mir erwachte wie aus heiterem Himmel der Forscherdrang. Eigentlich halte ich es mit der Archäologie wie mein Bruder, der den herrlichen Schüttelreim ‚Was stört mich denn das Hügelgrab, wenn ich noch Bier im Krügl hab’ prägte, aber wenn ich mich schon durch das Mittelrheintal schleppte, wollte ich zumindest einen Blick auf das werfen, was die UNESCO zum Weltkulturerbe ausrief: Den Limes. Eine Grenzwehr von hier bis zur Donau, die dem barbarischen Volk namens Germanen deutlich signalisierte, wo sie mit einer Portion Dresche rechnen mussten. Eventuell war ich im Geschichtsunterricht durch bestimmte äußere Einflüsse mit enormen Reizen ein wenig abgelenkt, da ich – Schande über mein Haupt – keinerlei Vorstellung von dem hatte, wonach ich suchen musste. Zäune? Mauern? Türme? Mary-Ellen und ‚Reicht doch’ mochte ich nicht fragen, denn wer stößt schon gerne andere darauf, dass man nicht nur im naturwissenschaftlichem Spektrum gewisse Defizite aufweist und nicht einmal gut malen kann?! Also versiegelte ich meinen Mund und stierte mir die Pupillen aus der Iris; natürlich ohne Erfolg. Hinweisschilder oder Denkmäler existierten nicht und eine Legion Römer begegnete uns auch nicht, die mir hätte helfen können. Wie sollte ich unter solchen extrem schwierigen Bedingungen meine Lücken schließen, um bei den kommenden freitäglichen Stammtischen meine Mitzecher zu beeindrucken? Ohne einen Fingerzeig bliebe es wohl oder übel bei den üblichen Themen: Frauen, Autos, Fußball – ist ja auch nicht schlecht...

Fortsetzung folgt

Montag, 23. Juni 2008 - 19:14 Uhr (CEST) Permanenter Link | 0 Kommentare

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